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Das früher so stabile Leitplankensystem hat die Welt längst verloren. Und jetzt sorgt der US-israelische Angriff auf den Iran für weitere konjunkturelle und Börsenverunsicherung. Dennoch, trotz aktuellem Verdruss sind ebenso die langfristig positiven Folgen zu berücksichtigen, wenn eine der krisenträchtigsten Regionen der Welt hoffentlich bald zur Ruhe kommt. Überhaupt war unkontrollierte Panik für Anleger immer schon ein verdammt schlechter Ratgeber.
Kurse unter der Lupe
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03.03.2608:38
Halvers Kolumne
Von Robert Halver

Die USA und Israel haben in ein Wespennest gestochen

Als Gegner ist der Iran ein ganz anderes Kaliber als Venezuela. Das Land ist groß, hoch gerüstet und widerstandsfähiger. Da das Regime in Teheran mit dem Rücken zur Wand steht, wird es alle seine Potenziale nutzen, um zu überleben bzw. seine Verhandlungsposition zu verbessern. Daher greift es auch die Nachbarländer an, die sich mittlerweile viele Jahre lang als besonders attraktive und sichere Wirtschaftsstandorte entwickelt und insofern viel zu verlieren haben. So sollen sie Druck auf Washington ausüben, die kriegerischen Auseinandersetzungen mit dem Iran möglichst schnell zu beenden.

Nicht zuletzt haben Russland und China als Verbündete Irans kein Interesse, dass eines ihrer letzten geopolitischen Bollwerke gegen den amerikanischen Systemfeind nicht nur fällt, sondern bei einem Regimewechsel sogar eine neue prowestliche, vor allem proamerikanische Regierung droht.

Und mit der Sperrung der Straße von Hormus sind fast alle OPEC-Reservekapazitäten von Saudi-Arabien, Irak, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Kuwait - ca. 20 Prozent der weltweiten Ölversorgung - blockiert. Deutliche Preissteigerungen bei Öl und Erdgas würden das weltwirtschaftliche Wachstum torpedieren. Im Extremfall blieben die erhofften Zinssenkungen vor allem in den USA aus, was insbesondere Aktien aus dem High-Tech-Sektor träfe. Und konjunkturorientierte Substanzwerte aus dem Value-Bereich, die die Marktbreite zuletzt vergrößert und die Risiken minimiert haben, verlören diese Funktion.

Auf Branchenebene würden konkret Chemiewerte leiden, deren energieseitige Produktionskosten stiegen, ohne dass sie an eine verunsicherte Weltwirtschaft weitergegeben werden könnten. Das gilt auch für Airlines, denen teure Umwege und verunsicherte Kunden mit Flugangst zu schaffen machten. Ebenso wären Autokonzerne betroffen, da Verbraucher in Krisenzeiten gerne ihre Portemonnaies zunageln.

Glück im Unglück?

Auch dieses Mal droht nicht das Ende der (Finanz-)Welt. Wenn das die meisten Konflikte der Welt verursachende Regime in Teheran früher oder später den Abgang machte, käme in die krisengeplagteste Region endlich wieder mehr Ruhe.

Natürlich darf man nicht naiv sein. Nach 47 Jahren Diktatur ist es sicher nicht einfach, den Schalter Richtung Freiheit umzulegen. Wer wird z.B. bei einer neuen Regierung den Hut aufhaben? Und selbstverständlich denkt Washington bei einem wind of change nicht nur an edle demokratische Motive. Es geht natürlich um die Verbesserung seiner geopolitischen Position im Nahen Osten zulasten Pekings und Moskaus und eine reibungslose Ölversorgung. Übrigens muss dies auch ein Anliegen Chinas sein.

Sicherlich, rein juristisch hat Amerika mit seinem Angriff das Völkerrecht gebrochen und sicher will die Trump-Administration auch von innenpolitischen Problemen ablenken. Politik war, ist und bleibt Realpolitik.

Insgesamt aber, wenn dem Iran die Chance genommen wird, nuklearwaffenfähig zu werden, ist das eine gute, ja eine glücklich machende Nachricht. Nicht auszudenken, wenn Teheran seine Machtinteressen mit dem Schwingen der Atomkeule durchsetzen und wirtschaftlich wichtige energieseitige Lieferketten dominieren würde. Überhaupt, mit welcher Argumentation will man anderen Ländern wie Saudi-Arabien versagen, Atommacht zu werden, um das Gleichgewicht des Schreckens aufrechtzuerhalten. Ein atomares Pulverfass im Nahen Osten wäre nichts weniger als ein Alptraum.  

Und machen wir uns nichts vor: Die jahrzehntelange Beschwichtigungspolitik auch der Europäer hat nie Früchte getragen. Sie war politisch bequem und vielfach hasenfüßig, obwohl die europäische Geschichte lehrt, dass Nachgeben gegenüber brutalen Diktaturen diese noch mehr ermutigt, eigene Interessen durchzusetzen.

Bei aller Krisenhaftigkeit ist Ruhe bewahren die erste Anlegerpflicht

Grundsätzlich lehrt die Börsengeschichte, dass Panikverkäufe immer die schlechteste Anlegerentscheidung sind. Tatsächlich haben sich vergangene Krisen im Nachhinein mehrheitlich als überschaubar dargestellt. Natürlich wird es zu zwischenzeitlichen Irritationen in puncto Wachstum, Ölpreisen und -versorgung sowie Sicherheitslage kommen. Immerhin hat Trump für die militärische Auseinandersetzung mehrere Wochen angesetzt und wird sich der Iran gegen einen Regimewechsel bis zum Schluss kräftig wehren. Doch wird Trump keinen langen Krieg - wie beim Golfkrieg - unter Einsatz von Bodentruppen mit Blick auf die Kriegsmüdigkeit seiner Bevölkerung und die Zwischenwahlen riskieren.

In der Zwischenzeit sind Verteidigungswerte gefragt. Energiewerte profitieren von höheren Ölfördermargen. Gefragt sind auch defensive Qualitäten aus dem Versicherungs- und Gesundheitssektor. Nicht zuletzt sind Edelmetalle Krisengewinner.

Möge der Konflikt im Nahen Osten so bald wie möglich erfolgreich enden, damit die Welt und auch der Iran wirtschaftlich wieder aufatmen können und sich an den Finanzmärkten wieder die alte Börsenweisheit bewahrheitet „Politische Börsen haben kurze Beine“.

Rechtliche Hinweise / Disclaimer und Grundsätze zum Umgang mit Interessenkonflikten der Baader Bank AG

Von Robert Halver