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Ohne Überraschung belässt die EZB den Einlagenzins das fünfte Mal in Folge bei zwei Prozent. Die Rahmendaten liefern keine Dringlichkeit für unmittelbare Erleichterungen. Mit Blick auf die schwachen Wachstumsaussichten der Eurozone und die desinflationären Effekte auch seitens des starken Euros muss beim Zinssenkungszyklus zumindest theoretisch noch nicht das letzte Wort gesprochen sein. Und was bewegt ansonsten die Märkte?
Der Markt unter der Lupe
Der Markt unter der Lupe
06.02.2607:30
Der Markt unter der Lupe
Von Robert Halver

Entkommt die Eurozone der Konjunkturschwäche?

Mit leicht eingetrübter Perspektive blicken Dienstleister insgesamt dennoch zuversichtlich in die Zukunft. Und das Verarbeitende Gewerbe scheint sich aus seiner langjährigen Depression endlich herauszuarbeiten.

Grafik 1: Einkaufsmanagerindices Verarbeitendes und Dienstleistungsgewerbe Eurozone

Absolut ist dennoch nur bessere Stagnation zu erwarten. US-Handelshemmnisse und das „herausfordernde globale Umfeld“ bleiben Handicaps. China tritt auf den weltweiten Absatzmärkten immer mehr als (industrieller) Systemrivale auf und übt über Dumpingpreise Druck auf die europäische Konkurrenz aus.

Potenzial für Konjunkturbefestigungen bieten die hohen Verteidigungs- und Infrastrukturausgaben vor allem in Deutschland. Über Ausstrahleffekte begünstigen sie zwar einen zyklischen Aufschwung in der Eurozone. Dieser lässt sich jedoch nicht über Nacht erzielen, sondern braucht Zeit

Wird aus Inflations- auf einmal Desinflationsgefahr?

Insgesamt beschwören die konjunkturellen Bedingungen keine erneuten Preisbeschleunigungen herauf. Auch angesichts des nachlassenden Lohndrucks und des wieder schwächeren Preisauftriebs bei Dienstleistungen ist der Prozess der Inflationsberuhigung - zuletzt 1,7 nach 1,9 Prozent - offenbar noch nicht beendet.

Grafik 2: EZB-Lohnindikator und Inflation Dienstleistungen Eurozone

Das liegt ebenso an den schwachen Energiepreise. Laut International Energy Agency (IEA) liegt das Angebotsniveau bedeutender Produzenten wie der USA und der OPEC+ trotz weltwirtschaftlicher Erholung oberhalb der Rohölnachfrage.

Sicherlich sorgen Unsicherheitsherde wie das jüngste Säbelrasseln zwischen Amerika und dem Iran für zwischenzeitliche Preisspitzen. Doch signalisieren beide Seiten Interesse an einer diplomatischen Lösung. Eine militärische Eskalation mit den Folgen einer Behinderung der „Öl-Straße von Hormus“ will keine Seite riskieren.

Grafik 3: Ölpreis Brent und Inflationsrate Eurozone

Insgesamt wird das offizielle Inflationsziel der EZB von zwei Prozent „übererfüllt“, zumal nicht zuletzt der starke Euro den importierten Inflationsdruck mindert.

Wird die Euro-Aufwertung zum Zinssenkungsgrund?

Apropos Euro-Stärke, sie erschwert den Export, der schon unter der amerikanischen Zollpolitik leidet. In diesem Zusammenhang lassen jüngste Aussagen des österreichischen Notenbank-Chefs Kocher aufhorchen, wonach eine fortgesetzte Euro-Aufwertung eine gewisse Notwendigkeit für geldpolitische Maßnahmen schaffen könnte. Eine Schmerzgrenze für den Euro nannte die EZB auf ihrer Pressekonferenz nicht. Es ist jedoch zu unterstellen, dass sie spätestens ab einem Euro/US-Dollar-Wechselkurs von 1,25 aktiv wird, um dem Wunsch Trumps nach einem außenhandelsfreundlichen Schwach-Dollar entgegenzuwirken.

Unabhängig davon sollte man die EZB nicht die wirtschaftliche „Drecksarbeit“ machen lassen. In der Pflicht dafür ist die europäische Politik, die über Strukturreformen, Innovation, Bürokratieabbau und Wiederaufnahme des Leistungsprinzips die dicken konjunkturellen Bretter zu bohren hat. Mitunter ist sie jedoch schon mit der Beschaffung von Auftausalz überfordert. 

Insgesamt hat es die EZB mit konkreteren Hinweisen zu Zinssenkungen nicht eilig. Wie immer verweist sie dazu auf die Datenabhängigkeit. Dennoch bleibt die Tür für eine weitere Zinssenkung 2026 angesichts geopolitischer Unsicherheit, wirtschaftlicher Schwäche, Euro-Stärke und Inflationsentspannung offen.

Marktlage - Frist die KI-Revolution ihre Kinder?

Dass offensichtlich leistungsfähige und kostenfreundliche KI-Anwendungen zur einfachen Automatisierung von (u.a. rechtlichen) Aufgaben vorliegen, für die Firmen bislang umfassende und teurere Softwarelizenzen benötigten, begünstigt Wettbewerbsdruck: „KI kills the Software-Stars“. Das nennt man Fortschritt, verstimmt jedoch zwischenzeitlich auch die allgemeine Stimmung für High-Tech.

Doch bereitet der bisherige Verlauf der Berichtssaison im Tech-Sektor insgesamt keinen Grund zur großen Sorge. Allerdings werden üppige Milliardeninvestitionen nicht mehr reflexhaft goutiert, sondern an der Börse deutlich stärker auf individuelle Profitabilität abgeklopft. Die Spreu trennt sich vom Weizen. Unternehmen mit tiefen Burggräben bleiben auch weiterhin gefragt. Die guten ist Depötchen, die schlechten ins Kröpfchen

Zwischenzeitliche Schreckmomente bei IT animieren die Rotation zu anderen Branchen. Auffangbecken dafür sind die lange Zeit vernachlässigten Value-Aktien aus den Bereichen Energie, Grundstoffe, Industrie und Basiskonsum. In der Tat, in den USA finden sie durch eine deutlich aufgehellte US-Industriestimmung immer mehr Anklang. Und diese Neugewichtung stellt Aktien auf ein deutlich breiteres Fundament, die Marktverwerfungen widerspricht.

Grafik der Woche

Grafik 4: Sektor-Entwicklung US-Aktienmarkt

Gold und Silber sind rar und nur rare Güter sind teure Güter

Wie anfällig überhitzte Märkte auf unerwartete Nachrichten reagieren können, zeigt die Achterbahnfahrt bei Edelmetallen.

Auf besonders falschem Fuß wurden Spekulanten erwischt, die an den Terminmärkten mit geliehenem Geld und gehebelten Produkten auf weiter steigende Kurse setzten. Aus Gründen der Verlustvermeidung wurden sie schließlich zur Eindeckung ihrer Positionen gezwungen. Zusätzliches Öl ins Feuer goss die mehrfache Erhöhung der zu hinterlegenden Sicherheiten (sog. Margin-Anforderungen) der Chicago Mercantile Exchange (CME) für Gold- und Silber-Futures.

Übrigens können die an den Terminmärkten gehandelten Mengen an Edelmetall physisch gar nicht geliefert werden.

Grafik 5: Gold und Silber seit Anfang 2025

Nach Bereinigung der spekulativen Rallye finden fundamentale Betrachtungen jedoch wieder Beachtung: Da ist zunächst die angeschlagene geopolitische Lage. Wegen seiner falkenhaften Haltung im Offenmarktausschuss (sog. FOMC) von 2006 bis 2011 gilt der von Trump nominierte neue Fed-Chef Kevin Warsh auf den ersten Blick ad hoc nicht als Anhänger einer lockeren Geldpolitik. Die horrende, weiter massiv ansteigende US-Verschuldung bindet ihm aber die Hände. An einer fortgesetzt offensiven Notenbankhaltung mit Inflationstoleranz ohne entsprechenden Renditeaufschlag kommt er also nicht vorbei, was neben Aktien auch der besonders sachkapitalistischen Anlageklasse der Edelmetalle Auftrieb gibt. Vor diesem Hintergrund ist ebenfalls nicht mit einem spürbar festeren US-Dollar zu rechnen, der den Ankauf von Gold und Silber verteuern würde.

Stützend wirkt ohnehin, dass neben China mittlerweile auch Notenbanken in Polen und Brasilien ihre „Unabhängigkeitsbewegung“ von US-Anleihen vorantreiben und Gold anhäufen.

Überhaupt hält das Angebot an Gold und Silber der Nachfrage nicht stand.

Insgesamt haben sich die langfristigen Argumente für Edelmetalle nicht verringert. Ihnen wird daher anhaltend Wasser auf ihre Mühlen geleitet.

Grafik 6: Goldbestände der Notenbank weltweit

Aktienseitig erhält davon auch der Metall- und Minensektor weiter Rückenwind. Zudem kann das angespannte Angebot bei Industriemetallen - auch Silber gehört dazu - die Nachfrage aus den Bereichen KI, Elektrifizierung und Infrastrukturaufbau nicht bedienen. Hinzu kommt die Übernahmefantasie, da Minenkonzerne den Zukauf von Projekten oder Produzenten gegenüber unsicheren und kapitalintensiven Neuentwicklungen bevorzugen.

Aktuell sind Minen-Aktien im Vergleich zu ihrem 20-Jahres-Bewertungsdurchschnitt jedoch kein Schnäppchen mehr, was für zwischenzeitliche Konsolidierungen spricht.

Grafik 7: Bewertungsauf-/abschlag Minenwerte weltweit zum 20J-Durchschnitt

Der anhaltende Rohstoff-Hunger kommt grundsätzlich auch den Aktienmärkten wie z.B. Brasilien und Mexiko auch aufgrund ihrer großen Grundstoff-Sektoren zugute. Über die Währungsstärke der Schwellenländer zum US-Dollar wird zudem der früher typischen Anlegerangst vor Währungsverlusten vorgebeugt, die zur Kapitalflucht nach Amerika führte. Der Abschluss bedeutender Handelsabkommen mit den USA und Europa rückt die Schwellenländer wie Indien weiter in fundamental positives Licht.

Grafik 8: US-Dollar handelsgewichtet und Aktienmärkte Schwellenländer

Nicht zuletzt überflügelt das auf 12-Monatssicht erwartete Gewinnwachstum der Schwellenländer jenes der Industrieländer deutlich. Die Standortbedingungen verbessern sich nachhaltig.

Grafik 9: Gewinnwachstum nach Regionen

Sentiment und Charttechnik DAX - Mehr Volatilität

Trotz aller negativen Stimmungen halten sich die Aktienmärkte immer noch durchaus robust. Auch die weiter überdurchschnittliche Investitionsquote von US-Fondsmanagern zeugt nicht von schlechter Aktienlaune.

Das rückläufige Verhältnis von Put- zu Call-Optionen am eurozonalen Aktienmarkt signalisiert eine gewisse Unbekümmertheit. Kursrücksetzer sind insofern möglich, bieten aber aufgrund der längerfristig stabilen Aktienargumente Einstiegsgelegenheiten.

Grafik 10: Verhältnis von Put- zu Call-Optionen Aktienmarkt Eurozone

Charttechnisch liegen auf dem Weg nach oben die nächsten Widerstände bei 24.540, 24.620 sowie 24.675 Punkten. Kommt es zu einer Gegenbewegung, warten bei 24.350, 24.320, 24.265 und 24.020 Punkten Unterstützungen.

 

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Von Robert Halver