Der Iran-Konflikt als Dämpfer für die Weltkonjunktur
Der Konflikt im Nahen Osten triggert reflexartig Ängste um Energieversorgung und -preise sowie das Wirtschaftswachstum. Eine besondere Rolle spielt die Sperrung der Straße von Hormus als bedeutende Energie-Aorta der Weltwirtschaft, durch die rund ein Fünftel der weltweiten Öl- und Gastransporte verlaufen. So sind seit Beginn der militärischen Auseinandersetzung die Preise für Öl um aktuell 18 und von Gas sogar um rund 60 Prozent gestiegen. Katar als weltgrößter LNG-Produzent hat die Produktion nach Raketenangriffen gestoppt. Industriemetalle bewegen sich im Spannungsfeld zwischen Konjunktur- und Angebotsrisiken und zeigen ein gemischtes Bild.

Besonders hart ist Asien getroffen, da mehr als 80 Prozent der Öllieferungen aus der Golfregion vornehmlich nach China, Indien, Südkorea und Japan gehen. Für die US-Wirtschaft sind die Konjunkturfolgen deutlich weniger gravierend als zu Zeiten der Ölpreisschocks der 1970er Jahre. Öl ist als konjunkturelles Schmiermittel heutzutage weniger bedeutend als noch vor 50 Jahren. Ohnehin sind die USA als weltweit größer Ölproduzent zumindest mengentechnisch weitgehend sakrosankt. Diese relative Stärke spiegelt sich auch in einem wieder anziehenden Dollar, in den sich Anleger in Krisen ohnehin gerne flüchten.
Aufgrund mangelnder Vorräte und Vorkommen bekommt dagegen Europa den sprunghaften Anstieg der Energiepreise massiv zu spüren.
Weiter konjunkturhemmend wäre es jetzt, wenn ein rohstoffseitiger Inflationsdruck die Notenbanken - vor allem die Fed - veranlassen würde, weitere Zinssenkungen aufzuschieben. Bei einem drohenden Stagflationsszenario, in dem hohe Energiepreise einerseits das Wachstum bremsen und andererseits die Inflation antreiben, würden Zinserhöhungen besonders hohe konjunkturelle Schäden anrichten.
Konflikt-Dauer als Gretchenfrage
Es ist zu jedoch vermuten, dass die geldpolitische Rhetorik die Kurzfristigkeit des Konflikts und damit auch der Preissteigerungen betont und von Zinsrestriktionen Abstand genommen wird.
Insgesamt spricht wenig für eine lange Eskalation. Amerika und Israel werden die Angriffe auf den Iran nur so lange fortsetzen, bis die militärischen Ziele erreicht sind: Verhinderung iranischer Nuklearfähigkeit sowie Zerstörung der Raketenproduktion und der -bestände. Dass Israel und die USA bereits nahezu die vollständige Kontrolle über den iranischen Luftraum besitzen, deutet tatsächlich auf eine vergleichsweise kurze Konfliktdauer hin. Trump spricht von bis zu fünf Wochen.
Das liegt auch daran, dass der Regimewechsel nicht mehr erste Priorität zumindest der Amerikaner ist. Denn dann würde der Überlebenskampf des Mullah-Regimes sicher konfliktverlängernd wirken. Und die Iraner wissen, dass Trump ein langanhaltender Anstieg der Energiepreise durch brüchige Öllieferketten bei den US-Zwischenwahlen im November schaden wird.
In diesem Zusammenhang sind der vom US-Präsidenten in Aussicht gestellte Geleitschutz der US-Marine sowie Versicherungsschutz für einen möglichst reibungslosen Schiffsverkehr im Nadelöhr von Hormus wohlklingende Absichtsbekundungen, die aber bei Reedereien und am Ölmarkt auf Skepsis stoßen. Für wirklich ungehinderte Energieströme braucht es komplette militärische Deeskalation. Niemand schickt Schiffe in ein Kampfgebiet.
Die Chance auf einen eher kurzen Konflikt ist auch darin begründet, dass der Iran mit der Sperrung der Lieferwege seine wichtigste Einnahmequelle selbst zerstört. Damit stößt er auch seinen größten Energieimporteur China vor den Kopf. Das auf 4,5 bis 5 Prozent gesenkte Wachstumsziel der KP, dem sogar weitere Abwärtsrisiken drohen, zeigt, dass China weitere Konjunktur-Handicaps verhindern will.
Überhaupt gefällt es Peking nicht, dass Amerika wieder mehr Energiedominanz an den Weltmärkten erlangen könnte, vor allem dann, wenn dem Mullah-Regime der Machtverlust droht. Peking wird daher Druck auf Teheran ausüben, weniger konfrontativ zu sein. Sobald das durch den Tod des geistlichen Oberhauptes Ajatollah Ali Chamenei entstandene Machtvakuum in Teheran gefüllt ist und die militärische Unterlegenheit des Irans wächst, wird die iranische Verhandlungsbereitschaft zunehmen. Entsprechende Gerüchte machen bereits die Runde.
Wieder intaktere Energielieferketten würden auch in Washington zu mehr „Milde“ führen, zumal der Konflikt in den USA mehrheitlich abgelehnt wird. Trump könnte auf die militärische Zielerreichung verweisen: Mission accomplished. Am Ende schließlich hätte China seinen Verbündeten Iran nicht komplett verloren.
Die Kraft dieser rationalen Argumente spricht gegen eine lange Eskalation wie sie beim Golfkrieg der Fall gewesen ist.
Quo vadis, Ölpreise?
Aufgrund der Risiken im Nahen Osten bleibt Rohöl zunächst gut unterfüttert. Spekulationen am Terminmarkt befeuern diese Aufwärtsbewegung.

Sobald sich allerdings eine Stabilisierung der Situation abzeichnet und die Straße von Hormus wieder durchlässiger wird, tritt die fundamentale Überversorgung am Öl-Markt wieder in den Vordergrund. So wollen einige OPEC+ Länder ihre Produktion in den kommenden Monaten stärker ausweiten als bislang geplant. Vor diesem Hintergrund ist kein Ölpreis zu erwarten, der in Richtung 100-Dollar-Marke oder darüber springt. Nach einer zu erwartenden Preiskorrektur verlieren Öl-Konzerne ad hoc zwar an Stimulanz. Da sie mittlerweile jedoch deutlich kosteneffizienter produzieren und zur Freude der Anleger auch ordentlich Dividende zahlen, bleiben sie langfristig attraktiv.

Gold spielt weiterhin seine sachkapitalistischen Stärken aus
Der zunächst sprunghaft angestiegene Goldpreis hat sich zuletzt angesichts der jüngsten Dollar-Stärke etwas beruhigt. Um Verluste an den Aktienmärkten zu kompensieren, haben große Kapitalsammelstellen teilweise selektiv ihre hohen Buchgewinne bei Gold realisiert. Angesichts der grundsätzlich bestehenden geopolitischen-, Inflations- und Überschuldungsängste bleibt dieser sichere Anlagehafen jedoch längerfristig gefragt. Die Anfang 2025 erkennbar eingeleitete Trendwende der physisch gehaltenen Goldbestände börsengehandelter Fonds setzt sich fort. Gold ist nicht beliebig vermehrbar, inflationssicher, ohne Ausfall- und Bonitätsrisiko sowie wertbeständig.

Industriemetalle langfristig gut unterstützt
Zwar wird die Weltwirtschaft angesichts zwischenzeitlicher handels- und geopolitischer Risiken zunächst nicht vollmundig wachsen. Infrastruktur- und Rüstungsausgaben beenden die lange Nachfrage- und Investitionsschwäche jedoch und sorgen für weitere Preisbefestigungen bei Industriemetallen.

Zudem bescheren Digitalisierung und Künstliche Intelligenz den Industriemetallen eine Sonderkonjunktur. Die Investitionsplanung großer US-Technologiefirmen fällt weiterhin großzügig aus. Grundsätzlich benötigen Datenleitungen, KI-Chips, Batterien und Rechenzentren große Mengen an Kupfer, Aluminium und Zink.
Marktlage - Nervös, aber kein Nervenzusammenbruch
Solange Nachrichten zum Iran die Live-Ticker dominieren, bleibt die wirtschaftliche Unsicherheit intakt und müssen Aktionäre mit anhaltenden Kursschwankungen rechnen. Wir sind noch nicht durch.
Grafik der Woche

Dabei schlägt sich der Konflikt in der Wertentwicklung der Aktienmärkte unterschiedlich nieder.
Aufgrund der Versorgungssicherheit mit Öl und Gas - Amerika ist Netto-Energieexporteur - sowie der Aussicht auf fiskalische Impulse aus dem „One Big Beautiful Bill“ zeigen sich US-Aktien vergleichsweise stabiler. Zudem deuten die konjunkturellen Frühindikatoren der US-Industrie und -Dienstleister gemäß ISM sowie ein optimistischer Konjunkturbericht der Fed (sog. Beige Book) auf weitere Stabilisierung hin. Flankiert von einer soliden US-Berichtssaison bietet das den Aktienmärkten eine fundamentale Sorgenpause.
Dabei konnten kriegsunabhängigere High-Tech-Aktien ihre Abwärtsbewegung der vergangenen Wochen zunächst eindämmen, während Anleger defensiven Qualitäten aus dem Versorgungs- und Gesundheitssektor zuletzt den Vorzug vor riskanter beurteilten Konjunkturaktien gaben.

Anfällig sind aktuell vor allem zyklische Aktien aus Europa, deren Energiesicherheit in Frage gestellt wird. Immerhin bleiben Verteidigungswerte gefragt. Zudem profitieren Energiewerte von höheren Ölfördermargen.

Sentiment und Charttechnik DAX - Weitere Rücksetzer sind noch möglich
Die Anlegerstimmung bewegt sich gemessen am Fear & Greed Index von CNN Business im Bereich der Angst. Als Kontraindikator spricht das früher oder später für eine Bodenbildung.

Sobald die Flut an Negativnachrichten abebbt, kommen Anleger wieder zurück an die Aktienmärkte. Mittlerweile sind die Anleger über Absicherungen am Terminmarkt auch für weitere Störmanöver im Nahen Osten gewappnet. Und bei Kurserholungen müssen Anleger die eingegangenen Absicherungspositionen auflösen, was einer Rallye Impulse verleiht.
Charttechnisch liegen bei fortgesetzter Korrektur erste Unterstützungen bei 23.601, 23.476 und 23.284 Punkten. Darunter befinden sich Haltelinien bei 22.943 und 22.700. Setzt der Index seine Aufwärtsbewegung fort, trifft er bei 24.035, 24.130, 24.400 und 24.577 Punkten auf Widerstände.
