Hat es jemals mehr Gründe für Gold gegeben?
Die Schleifung der Stabilität selbst im stärksten Land der Welt führt zu Unbehagen bei Anlegern. So werden über die massive Überschuldung Amerikas und die Angriffe des US-Präsidenten auf die Unabhängigkeit der Fed als starken Finanz-Felsen von Gibraltar immer mehr Zweifel an beliebig vermehrbaren Papier-Dollars gehegt, zumal sie sich weder bonitäts- noch inflationsseitig adäquat verzinsen. Und ein zur Exportunterstützung gewünscht schwacher Dollar macht US-Bonds auch nicht attraktiv. Überhaupt dient China seinem Systemfeind nicht mehr wie früher als unkritischer Schuldenfinanzierer. Insgesamt kommen US-Staatsanleihen als Währungsreserven für viele Länder immer weniger in Betracht. Mittlerweile gewinnt das nicht manipulierbare physische Gold an Bedeutung als globale Reservewährung. Auftrieb erhält der Goldpreis ebenfalls durch die Aufwertung des chinesischen Renminbis, der gegenüber US‑Dollar ein 30-Monats-Hoch erzielte und so den Preisanstieg für chinesische Goldkäufer mildert.
Auch das Zerschlagen des Geschirrs der klassischen Weltordnung steigert das Interesse für sichere Edelmetalle. Tatsächlich hat in den USA die „Donroe Doktrin“ ordentlich Fahrt aufgenommen. Das wird auch in Davos gnadenlos dokumentiert, wo Amerika mit der größten Delegation aller Zeiten antritt.
Europa kann dieser fatalen Entwicklung bislang keinen alternativ stabilisierenden Gegenstempel aufdrücken. Seine Position der moralischen Überlegenheit in der Grönland-Frage bei gleichzeitiger militärischer und wirtschaftlicher Ladehemmung stoppt Trump nicht. Leider leitet der transatlantische Streit viel Wasser auf die Mühlen Russlands und Chinas, die geopolitisch sicher keine Ruhepole sind. Möge das Mercosur-Abkommen der Beginn einer neuen europäischen Leidenschaft sein.
Auch die Produktionsschwäche spricht für Gold. Neue große Lagerstätten werden nicht entdeckt und auch die Förderkosten steigen an. Es gibt zwar Recycling, doch reichen die Mengen nicht aus, um der Nachfrage Herr zu werden.
Hat es jemals mehr Gründe für Silber gegeben?
Silber entwickelte sich sogar noch besser als Gold. Angesichts der durchgeschüttelten Welt hat Silber seine klare Bedeutung als sicheres Edelmetall.
Doch ist es als Industriemetall noch mehr gefragt. Die Energiewende, die E-Mobilität oder KI brauchen Silber in immer größeren Mengen. Das Silver Institute, eine globale Organisation der Industrie, schätzt in ihrem letzten Bericht, dass sich die Nachfrage bei Photovoltaik bis 2027 vervierfachen und bei Elektroautos mehr als verdreifachen wird.
Nach der im Vergleich zu Gold mehr als doppelt so starken Performance von Silber liegt das Verhältnis vom Gold- zum Silberpreis mittlerweile zwar unter seinem historischen Durchschnitt, was für eine zukünftig verhaltene Entwicklung des Silberpreises spricht. Doch kann die Silberproduktion der Nachfrage nicht im Entferntesten entsprechen. Der Silberkurs bleibt gut unterfüttert.
Es werden auch Zweifel am Mythos von Edelmetallen geäußert
Trotz der positiven aktuellen Entwicklungen stellen Kritiker fest, dass Edelmetalle in der Vergangenheit auch nachhaltige Einbrüche erlebt haben. Im Übrigen sei Gold historisch oft schwankungsanfälliger gewesen als US-Aktien. Und ist die Fallhöhe von Gold und Silber aufgrund der Rallye mittlerweile nicht ohnehin hoch? Nicht auszuschließende Beruhigungen der Geopolitik könnten ihnen durchaus schaden.
Selbst das Kernargument des Inflationsschutzes wird im Vergleich skeptischer gesehen. So hätten Aktien die Inflation in den letzten Jahrzehnten deutlich häufiger geschlagen als Gold. Für Aktien spräche auch ihre langfristige Gewinn- und Ausschüttungsqualität. Gold dagegen verfügt über keinen originären Ertragstreiber und keine laufende Verzinsung.
Doch ist festzustellen, dass die (Finanz-)Welt lange Jahre in stabiler Ordnung gewesen ist und so kein Bedarf an alternativer Sicherheit von Edelmetallen bestand. Wenn hingegen heute nach Inflation von Zinsen nichts mehr übrigbleibt und die Bonität wegen Überschuldung wie ein Stein fällt, wären Anleger schlecht beraten, wenn sie umfänglich auf die fake-Sicherheit von Zinsanlagen setzten.
Natürlich ist das Kursrisiko umso höher, je höher die Preise steigen. Aber das gilt auch für Aktien. Bitte nicht mit zweierlei Maß messen.
Aktien und Gold widersprechen sich nicht
Als beiderseits attraktive sachkapitalistische Anlageklassen ergänzen sie sich sogar hervorragend.
Gold und Silber können niemals Alleinunterhalter im Portfolio sein. Sie können kein Ersatz für ertrags- und wachstumsstarke Wertpapiere sein. Doch haben sie ihren Wert als Versicherung gegen geopolitische Risiken wie finanzielle Repression oder Vertrauensverluste in Währungen, die klassische Wertpapieranlagen betreffen. Daher gilt: Je höher das persönliche Vermögen ist, umso sinnvoller ist eine Verschiebung von Ertragsmaximierung über Aktien zur Vermögensabsicherung mit Gold und Silber.
Bei Edelmetallen geht es also um „wie viel“ und „wann“. Sie sind strategische Beimischungen, die je nach persönlichem Stress- und Repressionsszenario bis etwa 10 Prozent des liquiden Vermögens ausmachen können.
Bleibt die Frage, ob Edelmetalle in physischer oder börsengehandelter Form gehalten werden sollen. Je mehr man an absoluter Sicherheit interessiert ist, umso mehr spricht für die physische Variante.
Preislich ist nicht zu erwarten, dass Gold und Silber wieder auf ihre Niveaus von 2024 oder niedriger zurückfallen. Bei Silber sind 2026 Kurse weit über 100 US-Dollar und bei Gold über 5.000 US-Dollar jeweils pro Unze möglich. Zwischenzeitliche Konsolidierungen gehören zum Geschäft und sollten nicht irritieren. Wie bei Aktien gibt es auch bei Edelmetallen keine Einbahnstraßen.
Solange der jahrhundertelange Wunsch, Gold und Silber alternativ chemisch herzustellen, ein Traum bleibt, führt an ihnen kein Weg vorbei.
Aber auf die richtige Portionierung kommt es an. Edelmetalle glänzen. Aber nicht allein, Aktien auch.
